Pachinko

Pachinko

TW: Selbstmord, Vergewaltigung, Sklaverei, Zwangsprostitution, Krieg, Gewalt, Sexismus, Rassismus

SPOILER Warnung.

Die Geschichte Koreas im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert ist gezeichnet vom Kolonialismus, Krieg und schwierigen politischen Zuständen, die das Land und ihre Menschen nachhaltig beeinflussten. Pachinko spielt in der Zeit der japanischen Kolonialisierung Koreas, dem 2. Weltkrieg, dem Koreakrieg und den Konsequenzen daraus.

Für alle Interessierten möchte ich einen kurzen Einblick in die Historie hinter dem Roman von Min Jin Lee bieten, dessen komplexe Erzählung die Risse in der koreanischen Gesellschaft und die Suche nach Zugehörigkeit zeigt. Ich selbst habe meinen Master in Wirtschaft und Gesellschaft in Asien abgeschlossen, spezialisiert auf Korea, was mir erlaubt, tiefere Einsichten in die vielschichtigen Themen des Romans zu gewinnen.

Die koloniale und postkoloniale Geschichte ist für mich vom besonderen Interesse, da sie das Fundament für viele gesellschaftliche Dynamiken bildet, die Lee in ihrem Werk behandelt. Ich werde hier teilweise meine Masterthesis recyclen, um die historische Kontextualisierung zu verstärken. Ich werde jedoch nur auf die wichtigsten Punkte im Roman eingehen, sonst wird es den Rahmen sprengen, jedoch hoffe ich, dass dieser Überblick dazu beitragen wird, das Verständnis für die Herausforderungen zu vertiefen, mit denen die koreanische Bevölkerung konfrontiert war und weiterhin ist.

Erst müssen wir klären, was Kolonialismus überhaupt bedeutet. Der Kolonialismus basiert auf einer Fixierung von Bedeutungen, die die Überlegenheit der Kolonialmacht durch die Konstruktion der „Anderen“ etabliert. Dies geschieht durch die Definition der „Anderen“ und ihrer Unterordnung, wodurch die Kolonialmacht sich als überlegen darstellen kann. In vielen Fällen wurde dies durch eine Vielzahl von kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Strategien unterstützt, die darauf abzielten, die Unterschiede zwischen den Kolonisatoren und den kolonisierten Völkern zu verstärken. Diese Unterschiede wurden oft durch diskriminierende Ideologien gerechtfertigt, die das Bild der kolonisierten Gesellschaften als rückständig und barbarisch prägten. Solche Sichtweisen ermöglichten nicht nur die Legitimierung von Gewalt und Ausbeutung, sondern trugen auch dazu bei, die kolonialen Narrative in der Geschichtsschreibung und im kollektiven Gedächtnis zu verankern. (1)

Buch 1: 1910–1933

Wir begleiten eine Familie auf der Insel Yeongdo, die im späten 19. Jahrhundert ihr Heim für Reisende öffnete, um ihren Lebensunterhalt aufzubessern. Sie brachten drei Söhne zur Welt, doch nur ihr ältester Sohn Hoonie überlebte. In dieser Zeit mussten sie sich mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Japan die koreanische Halbinsel annektierte und kolonialisierte, während Hoonie 27 Jahre alt ist.

Bevor Korea in Süd- und Nordkorea geteilt wurde, war die Halbinsel in drei Königreiche unterteilt: Goguryeo, Silla und Baekje. Diese wurden vereint, was zur Entstehung des Reiches Goryeo führte, das 1392 unter König Taejo zur Dynastie Joseon wurde und bis zur Annektierung im Jahr 1910 existierte. (2)

Der Russisch-Japanische Krieg entstand durch das große Interesse Russlands an Korea. Japan teilte dieses Interesse, indem es seine wirtschaftlichen und strategischen Ambitionen in der Region ausweitete. Mit dem Vertrag von Portsmouth von 1905 erkannte man Japans Interesse an Korea an, was zu einer bedeutenden geopolitischen Umwälzung führte. Nach dem Ende des Russisch-Japanischen Kriegs hatte Japan 1905 Korea zu seinem Protektorat gemacht, was einen entscheidenden Schritt zur Festigung seiner Macht in Ostasien darstellte. Sie zwangen den König Gojong, den Protektoratsvertrag zu unterschreiben, was den Untergang der koreanischen Souveränität bedeutete. Damit hatte Japan volle Autorität über die Beziehungen Koreas und konnte zudem Einfluss auf die inneren Angelegenheiten des Landes ausüben. Sie verfügten kurz danach über die koreanische Regierung und installierten eine Verwaltung, die ihren Interessen diente. 1907 löste Japan die koreanische Armee auf und im Mai 1910 wurden koreanische Zeitungen verboten, was die Meinungsfreiheit stark einschränkte und die nationale Identität unterdrückte. Zudem wurden koreanische Nationalisten beziehungsweise Unabhängigkeitsbewegungen aufgelöst und führende Mitglieder verhaftet, was zu einer Klima der Angst und Repression führte. Am 29. August 1910 annektierte Japan Korea und erklärte Korea damit zu einer japanischen Kolonie, was eine neue Ära der Kolonisation einleitete, die zahlreiche kulturelle, soziale und politische Veränderungen mit sich brachte, oft zum Nachteil der koreanischen Bevölkerung. (3)

Durch Japans Kolonialisierung wurde Nahrung knapp und koreanische Familien, wie in Pachinko beschrieben, wurden ärmer. Die Imperialmacht Japan hatte zu Zeiten der Kolonialherrschaft Korea wirtschaftlich ausgebeutet und versucht die koreanische Gesellschaft der japanischen Kultur zu zwangsassimilieren (2). Durch die Annektierung Koreas durch Japan verschlechterte sich die allgemeine Lage der koreanischen Bevölkerung und somit auch die der koreanischen Frauen (4). Dies wird noch wichtig.

Hoonie heiratete Yangjin und sie bekamen ihre Tochter Sunja. Gleichzeitig kümmerten beide sich um die Herberge, die Hoonies Eltern ihnen hinterlassen hatten. Nach dem Tod von Hoonie, kümmerte sich Yangjin allein um ihre Tochter und stellte zwei junge Frauen ein, um ihr in der Herberge zu helfen.

Wir beobachten wie Sunja von japanischen Schülern sexuell belästigt wurde. Dies war (womöglich) normal für koreanische Frauen während der Kolonialisierung. Das Bild der Frau als hauptsächlich Ehefrau und Mutter wurde während der Kolonialisierung verstärkt. Die Frau stand als Mensch unter dem Status eines Mannes. Sie hatte offiziell keine Verfügung über ihre eigenen Entscheidungen und ihren Körper. Die japanische Kolonialregierung behandelte die koreanische Bevölkerung, so auch koreanische Frauen, als eine Gesellschaft der zweiten Klasse. Respekt gegenüber (koreanischen) Frauen wurde nicht unterstützt. (5, 6)

Sunja wurde jedoch von Koh Hansu gerettet, der ein Zainichi Koreaner war. Zainichi sind eine koreanische Minderheit in Japan, die eine koreanische Staatsbürgerschaft haben, aber in Japan leben. Besonders während der Kolonialisierung sind viele Koreaner:innen nach Japan gezogen, um dort bessere Arbeit zu finden. Diese Migration wurde oft durch die Hoffnung auf ein besseres Leben und wirtschaftliche Möglichkeiten motiviert. Auch wurden Arbeiter:innen nach Japan geschickt, um dort in Fabriken zu arbeiten, die von der japanischen Regierung stark gefördert wurden. Diese Arbeiter:innen wurden als „[…] Chŏngsindae (lit., voluntarily submitting-body) […]“ (7) bezeichnet. Die japanische Kolonialregierung versprach ihnen nicht nur ein besseres Leben mit mehr Einkommen und ohne Hunger, sondern auch eine Integration in die japanische Gesellschaft, die in den meisten Fällen nicht mehr als ein leeres Versprechen war. Da viele der Arbeiter:innen unter extrem schlechten und ausbeuterischen Bedingungen litten. Wenn Arbeiterinnen den sklavenähnlichen Bedingungen entfliehen wollten, wurden sie als Strafe zu Zuhältern gebracht und zur Sexarbeit gezwungen, was die ohnehin schon grausame Realität für viele Frauen noch weiter verschärfte. (7, 8)

Koh Hansu, der viel älter ist als Sunja, hatte Sex (kein expliziter Konsent) mit ihr und sie wurde schwanger. Da sie dachte, dass die beiden heiraten würden, teilte sie Hansu mit, dass sie ein Kind erwartete. Hier stellt sich heraus, dass er verheiratet war und schon Kinder hatte. Er schlug ihr vor seine Geliebte zu sein, welches sie ablehnte und sagte ihm, dass sie ihn nie wieder sehen möchte.

Ein solches Verhalten des Mannes wurde in Korea nicht bestraft. Auch vor der Kolonialisierung wurde die Frau schon als Mensch zweiter Klasse gesehen. Frauen hatten davor schon stark eingeschränkte Rechte.

Dadurch, dass Sunja nun keine Jungfrau war, schämte sie sich und ihre Mutter hatte zurecht Sorgen, dass Sunja dadurch von der Gesellschaft abgelehnt wird.

In Korea musste eine Frau nicht nur gehorsam zu ihrem Mann sein und hatte dem Mann zu folgen, sondern musste auch keusch sein. Dies wurde als eine der wichtigsten Tugenden einer Frau behandelt, die den Respekt ihrer Familie und des Ehemannes sicherstellen sollte. Es galt als Sünde, wenn die Frau nicht keusch war, und solch ein Verstoß gegen diese tief verwurzelten Normen konnte für die gesamte Familie schwerwiegende gesellschaftliche Konsequenzen mit sich bringen. (9, 10)

Der Christ Isak Baek besuchte die Herberge und erkrankte an Tuberkolose. Doch durch die Pflege von Yangjin und Sunja wurde er wieder gesund und aus Dankbarkeit schlug er vor, dass er Sunja heiratet. Er würde das ungeborene Kind Sunjas adoptieren und ihm seinen Namen geben, sodass das Kind und Sunja nicht von der Gesellschaft abgestoßen wird. Er sah es als Zeichen Gottes seinen Lebensrettern zu helfen.

Interessanterweise können christliche Missionare als die ersten „Feministen“ in Korea angesehen werden. Der Evangelist Mun (11) erklärt, dass es eine christliche Idee ist, dass Gott Frauen und Männer gleich erschuf und sagt aus: “[…] we Christian men will love and protect our wives, chosen for us by God, and we will give them freedom so that they can go anywhere that they wish”. (11) Die christlichen Missionare unterstützten die Befreiung der Frau aus den traditionellen konfuzianischen Regeln und Traditionen.

Sunja und Isak heirateten und reisten nach Japan, um mit Isaks Bruder Yoseb und seiner Frau Kyunghee zu leben. Isak hatte ein Arbeitsangebot in einer koreanisch christlichen Kirche in Osaka erhalten. Dort realisierten sie, dass Koreaner in Japan nicht gut behandelt wurden und in Slums lebten.

Es lebten zu der Zeit insgesamt fast eine halbe Millionen Koreaner:innen in Japan. (12) Koreanische Arbeiter:innen wurden nach Japan und andere asiatische Länder geschickt, um die fehlenden Arbeitskräfte in Japan zu ersetzen. Dort verdienten die koreanischen Arbeiter:innen jedoch wenig und wurden von ihren Vorgesetzten schlecht behandelt. Sie galten nicht als gleichwertig im Vergleich zu japanischen Arbeiter:innen. Viele von ihnen sind durch Überlastungen, Unfälle und Unterernährung gestorben. (4)

Buch II: 1939–1962

In Buch 2 erfuhren wir, dass Sunja mittlerweile zwei Kinder hatte. Noa, Hansus leiblicher Sohn und Mozasu, Isaks leiblicher Sohn. Kurz nach der Geburt von Mozasus wurde Isak festgenommen, weil ein Mitglied seiner Kirche bei einer öffentlichen Anbetung des Kaisers ein christliches Gebet flüsterte. Er wurde von der japanischen Polizei gefoltert und starb am Ende zu Hause. Währenddessen ging Sunja arbeiten und verkaufte das Kimchi ihrer Schwägerin, welche sie im gemeinsamen Haus machten. Yoseb ist dagegen, dass die beiden arbeiten, aber Sunja hat sich durchgesetzt und verkauft das Kimchi allein.

Im Laufe der Geschichte erfuhren wir, dass auch die zwei jungen Frauen in Yangjins Herberge in einer Fabrik in der Mandschurei arbeiteten, nachdem eine fremde Frau sie rekrutiert hatte. Leider hört man seitdem nichts von den beiden.

Min Jin Lee deutet hier eindeutig auf die „Trostfrauen“ hin. Auch Sunja hörte Gerüchte über die Frauen in Fabriken, denen schlimme Dinge passieren sollen. Unrecht hat sie nicht, denn wie vorher erwähnt, hatte Japan junge Frauen rekrutiert und dann zur Sexarbeit gezwungen.

Zu der Zeit der Kolonialregierung Japans in Korea und des Pazifikkriegs wurden nach Schätzungen dem Japanese Bar Association’s International Relations Commitee 170.000 bis 200.000 asiatische Frauen in militärische Bordelle zu japanischen Soldaten an die Kriegsfront geschickt und zwangsprostituiert. Diese verheerende Praxis war nicht nur ein Ausdruck der brutalen Besatzung, sondern auch ein Resultat von tief verwurzelten patriarchalen Strukturen, die die Frauen zum Spielball der politischen und militärischen Ambitionen wurden. Etwa achtzig Prozent dieser Frauen waren Koreanerinnen, deren Schicksal oft anonym blieb und in den Geschichtsbüchern der Nachkriegszeit kaum Erwähnung fand. (13, 4, 7) Die „Trostfrauen“ waren in ganz Asien stationiert, da Japan in Nord- und Zentralasien wie auch in Südostasien Krieg führte (14). Diese systematische Ausbeutung betraf nicht nur die körperliche Unversehrtheit der Frauen, sondern hinterließ auch tiefe psychologische Narben, die Generationen lang nachwirkten. Dadurch, dass Japan zahlreiche Dokumente vernichtete, was auch Koh Hansu mehrmals im Buch erwähnt, verbleibt die Zahl der Zwangsprostituierten weiterhin eine Schätzung (4), und die vollständige Aufarbeitung dieser dunklen Kapitel der Geschichte bleibt bis heute eine gewaltige Herausforderung für die Gesellschaft.

Die gängigste Bezeichnung für die Frauen ist „Trostfrauen“ (8). Jedoch werden stets Anführungszeichen angeführt, da sich die koreanischen und japanischen Frauenbewegungen nicht auf diese Schreibweise einigten, was die Komplexität der Thematik verdeutlicht. Der korrekte Begriff ist „sex slaves for the Japanese Military“ (15), welcher die erschütternde Realität und das Leiden, das diesen Frauen widerfahren ist, angemessener beschreibt. „Trostfrauen“ ist zudem ein verharmlosender Begriff, der die Schwere der Menschenrechtsverletzungen nicht adäquat darstellt (vgl. DEUTSCHER BUNDESTAG). Ein anderer Begriff, der in der Literatur verwendet wird, ist „[…] wianbu (literally, ‚women comforters’) […]” (16), der die Funktion dieser Frauen in einem patriarchalischen System beschreibt, in dem ihre menschliche Würde und Perspektiven oft ignoriert wurden. Da die Frauen wie Gegenstände vom japanischen Patriarchat gesehen wurden, war eine der damals genutzten Begriffe „öffentliche Toilette“, welcher beleidigend ist und die Frauen degradiert. (8) Dies verdeutlicht nicht nur die abwertende Sichtweise, die auf diese Frauen gelegt wurde, sondern lässt sich zudem die Einstellung Japans gegenüber den „Trostfrauen“ erkennen, die in dieser Zeit und durch diese Bezeichnungen tief verwurzelt war.

Zunächst wurden koreanische Frauen, die bereits in Japan lebten, in die Bordelle verschleppt (17). Später wurden junge, unverheiratete Frauen direkt aus Korea rekrutiert, um die Nachfrage nach Sexarbeiterinnen in den von Japan besetzten Gebieten zu decken. Die Opfer waren oft sehr jung und wurden aufgrund ihrer vermeintlichen Reinheit ausgewählt, um die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten zu verhindern (4, 7). Nicht nur Frauen aus der Zivilbevölkerung, sondern auch medizinisches Personal und sogar Schülerinnen im zarten Alter von 12 bis 14 Jahren wurden Opfer dieser systematischen Zwangsprostitution (7). Angesichts der unmenschlichen Bedingungen und der ständigen Gefahr, an Geschlechtskrankheiten zu erkranken uns zu sterben, suchten viele Frauen den Tod. Selbstmorde waren keine Seltenheit, bis die japanischen Medien 1943 auf Anordnung der Regierung damit aufhörten, über dieses Thema zu berichten (8)

Die Lebenszustände der „Trostfrauen“ waren menschenunwürdig und grausam. MIN (4) beschreibt detailliert, dass die Frauen in einfachen Holzhütten lebten, oft unter unhygienischen Bedingungen, und zehn bis dreißig Mal am Tag japanische Soldaten befriedigen mussten, ohne jede Form von Mitgefühl oder Respekt. Mit den Frauen wurde respektlos umgegangen; sie wurden geschlagen, erlitten schmerzhafte Verbrennungen oder wurden gefoltert (4). Sie verdienten zudem nur einen Bruchteil (1,5 bis zwei Yen) von dem, was die japanischen Sexarbeiterinnen (drei bis fünf Yen) bekamen (17), was deutlich macht, wie gering ihre Menschenwürde in den Augen ihrer Peiniger eingeschätzt wurde. Augenzeugen und Soldaten berichteten, dass die „Trostfrauen“ oft zurückgelassen oder getötet wurden, als Japan im Krieg kapitulierte (4). Um die grausamen Bedingungen zu verdeutlichen, zitierte LIE (16) eine „Trostfrau“, die in Burma stationiert wurde: „At that time, I had intercourse with about 300 people a day… [three minutes per person] continuously for 17 hours… Even when I was eating, a soldier would come on top of me… after a while, you can go without defecating… I urinated even when a soldier was on top of me“. Diese grausamen Berichte zeichnen ein erschütterndes Bild des menschlichen Elends und der Entmenschlichung, die diese Frauen täglich erlitten. Die Macht Japans über Korea konnten die Frauen aus erster Hand erfahren: „imperial Japan … systemtically, strategically, and collectively abused Korean women“ (Lee N.Y., zit. nach 18)

Die Frauen, die nach Korea zurückkamen, konnten nicht frei über die Ereignisse und ihre Erfahrungen sprechen. Sie schämten sich für das, was ihnen passiert war, und litten unter mentalen und körperlichen Erkrankungen, die oft ein Leben lang anhielten. Durch die strenge Kontrolle der Sexualität von Frauen in Korea und dem Zwang der Keuschheit vor der Ehe wurde das Schweigen der Opfer nicht nur unterstützt, sondern auch von der Gesellschaft gefordert; die Normen und Erwartungen, die an Frauen gestellt wurden, trugen weiterhin zur Stigmatisierung der „Trostfrauen“ bei. Wenn Familien vom Schicksal dieser Frauen erfuhren, wurden sie aus ihren Familien ausgeschlossen. Die gesellschaftliche Ächtung und das Unverständnis für die traumatischen Erlebnisse verstärkten die Leiden dieser Frauen und machten es ihnen nahezu unmöglich, über ihre Erlebnisse zu sprechen oder Hilfe zu suchen. (7, 4)

Man kann sich nur das grausame Schicksal von den zwei jungen Frauen aus Yeongdo vorstellen. Ich gehe auch davon aus, dass Yoseb die Vorgänge in den Fabriken und an der Front gehört hat und deshalb gegen die Arbeit von Sunja und Kyunghee war. Jedoch sah Yoseb es auch als seine Pflicht an als Mann des Haushalts das Geld zu verdienen. Frauen sollten Hausfrau und Mutter sein.

Sunja erhielt ein Angebot eines Restaurantbesitzers, dass sie und Kyunghee ihr Kimchi dort machen und das Restaurant dieses verkauft. Da sie das Geld brauchten, nahmen beide Frauen das Angebot an. Jahre später kommt Hansu wieder auf Sunja zu und erzählte ihr, dass Japan bald den Krieg verlieren wird und empfahl der Familie aufs Land zu ziehen, da Osaka vermutlich zerbombt wird. Die ganze Familie wurde auf eine Farm gebracht und helfen dort aus, auch wenn sie in einem Stall leben mussten. Yoseb zog nach Nagaski, wo er Arbeit bekommen hatte. In Nagasaki hatte die USA viele Bomben, aber auch eine Atombombe fallen lassen. Dementsprechend schwer verletzt kam Yoseb, durch Hansus Hilfe, auf die Farm zur Familie zurück.

Am 15. August 1945 kapitulierte Japan. Somit endeten der Pazifikkrieg und die 35-jährige Kolonialherrschaft Japans über Korea. Korea wurde in zwei Staaten geteilt. Im nördlichen Teil der Halbinsel herrschte die Sowjetunion, die ihr sozialistisches System etablierte, während sich im Süden Koreas die Vereinigten Staaten mit einem demokratischen System herausbildeten. (19, 20) Allerdings wurde Korea durch die Teilung und Befreiung der Alliierten nicht unabhängig und frei. Bereits 1943 erklärten die Alliierten, dass Korea erst zu einer gegebenen Zeit unabhängig werden sollte. (21) Nach diversen Vorfällen brach im Mai 1950 der Korea-Krieg aus (die nordkoreanische Seite griff die südkoreanische Seite an) (22). Der Korea-Krieg began am 25. Juni 1950 und endete mit dem Waffenstillstand am 27. Juli 1953 (19).

Nachdem die Familie wieder in Osaka war, stellte sich auch ihnen die Frage, ob sie zurück nach Korea könnten. Hansu warnte davor, da auch dort Konflikte entstanden und sie da nicht sicher wären. Außerdem wollte Noa zur Waseda Universität, einer der angesehensten Universitäten in Japan. Mozasu dagegen wurde stark in der Schule gemobbt, da er in ihren Augen ein Koreaner war, trotz der Tatsache, dass er in Japan geboren wurde. Sie wurden weiterhin von der japanischen Regierung, aber auch von der Gesellschaft als „Ausländer“ angesehen und diskriminiert.

Die Diskriminierung wurde seitens der japanischen Regierung unterstützt. In den ersten 25 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg sahen sich ethnische Koreaner in Japan weiterhin systematischer Ausgrenzung und Diskriminierung gegenüber – in Bildung, Arbeit, Wohnen und Heirat. Das Staatsangehörigkeitsgesetz von 1950 entzog sogar Zainichi-Kindern mit japanischen Müttern ihre japanische Staatsbürgerschaft; nur Kinder mit japanischen Vätern durften ihre japanische Staatsangehörigkeit behalten. Ab 1952 wurden Immigranten – die Mehrheit von ihnen Koreaner –, deren Heimatland von Japan nicht als legitimer Nationalstaat anerkannt wurde (einschließlich Korea), staatenlos. Im Jahr 1955 wurde ein Gesetz erlassen, das verlangte, dass alle registrierten Ausländer ihre Fingerabdrücke registrieren müssen. Ethnische Koreaner wurden sogar von den Rechten ausgeschlossen, die Nicht-Staatsangehörigen gemäß der Nachkriegsverfassung Japans gewährt wurden. Beschäftigungspolitiken schlossen Koreaner nach 1945 von allen „japanischen“ Arbeitsplätzen aus. Ausgeschlossen von allen öffentlichen und privaten Arbeitsmöglichkeiten, verfolgten Koreaner Tätigkeiten im informellen Sektor und beteiligten sich an illegalen oder marginalen wirtschaftlichen Aktivitäten wie illegaler Alkoholproduktion, Schrottsammlung und Schutzgelderpressung. (23)

Von allen Jobs im öffentlichen Sektor sowie angesehenen Berufen und Tätigkeiten ausgeschlossen, schuf die Zainichi-Bevölkerung eine ethnische Wirtschaft in selbstständigen, Dienstleistungs- und Unterhaltungssektoren, die hauptsächlich auf japanische Kunden abzielten (wie beispielsweise Yakiniku-Restaurants und Pachinko-Spielhallen). Bis in die 1980er Jahre hinein, trotz ihrer gleichberechtigten Behandlung als Steuerzahler, stießen Zainichi auf Hindernisse beim Zugang zu medizinischer Versorgung, Sozialleistungen, Renten und anderen Sicherheitsnetzen sowie öffentlichen Dienstleistungen. (23)

So entschied sich auch Mozasu in einer Pachinko-Halle zu arbeiten, statt weiterhin die Schule zu besuchen. Viele andere Möglichkeiten hatte er nicht. Noa studierte an der Waseda, doch als er erfuhr, dass Hansu (ebenfalls ein Yakuza) sein Vater ist, lief er weg, brach sein Studium und den Kontakt mit seiner Familie ab. Er schämte sich für seine Herkunft. Mozasu dagegen wird erfolgreich in der Pachinko-Branche, doch er verlor seine Frau bei einem Unfall und wurde alleinerziehender Vater.

Buch III: 1962–1989

Noa zog nach Nagano und tauchte dort ab. Er verleugnete seine koreanische Herkunft und gab sich als Japaner aus, um Diskriminierungen und auch seiner Familie zu entkommen. Er wurde von einem rassistischen Pachinko-Inhaber als Buchhalter eingestellt. Er gründete in Nagano eine Familie mit einer Japanerin und hält weiterhin seine wahre Identität versteckt. Durch Hansus Hilfe, konnte Sunja Noa letztendlich ausfindig machen und besuchte ihn. Er versprach ihr zwar sie anzurufen, bringt sich jedoch nach dem Gespräch mit seiner Mutter um. Er sieht sein „Blut“ als Scham an und kann nicht damit leben, dass sein Vater ein Yakuza war.

Mozasu jedoch ist weiterhin sehr erfolgreich als Pachinko-Inhaber. Sein Sohn, Solomon, studierte erfolgreich in den USA und arbeitet nach seinem Abschluss in einer britischen Bank in Japan, wo er von seinem japanischen Vorgesetzten ausgenutzt und danach gekündigt wurde. Er trennte sich von seine koreanisch-amerikanischen Freundin und arbeitete danach für seinen Vater.

Am Ende des Romans besuchte Sunja das Grab ihres verstorbenen Ehemannes Isak, wo sie erfährt, dass Noa, trotz allem, das Grab regelmäßig besucht hatte.

In Buch 3 erfahren wir die Konsequenzen der Diskriminierung der Zainichi Koreaner. Sie werden ausgenutzt, diskriminiert und in Schubladen gesteckt. Einerseits schämten sie sich und versuchten es sich nicht anmerken zu lassen, andererseits wollten sie dagegen ankämpfen. Hier ganz klar die Gegensätze in Noa und Mozasu/Solomon zu sehen.

Ich halte meine Review kurz:

⭐⭐⭐⭐⭐

Min Jin Lee hat hier wundervoll eine Familie porträtiert, die durch die schwierige Geschichte zwischen Korea und Japan leben. Die Geschichte reflektiert nicht nur die Realität vieler, sondern geht auch tief in die emotionalen und sozialen Herausforderungen, die mit diesen historischen Konflikten verbunden sind.

Die Charaktere sind vielschichtig und authentisch, was mich dazu gebracht hat, über die universellen Themen von Verlust, Identität und Entbehrungen nachzudenken. Ich habe einige Male geweint, da die Tragödien und Triumphe der Protagonisten so real und berührend erzählt werden.

Ich danke, Speggel und dem Circe Buchclub, dass wir dieses Buch für diesen Monat gelesen haben.

Es hat mich noch mal über mein Leben, das meiner Familie, aber auch mein Studium reflektieren lassen und mir neue Perspektiven eröffnet. Letztlich hoffe ich, dass vieles aus der Geschichte mitgenommen werden kann, und meine „kurze“ Analyse auch noch mal interessantes Hintergrundwissen gibt, um die Bedeutung dieser Erzählung im Kontext der modernen Gesellschaft zu beleuchten.

Quellen:

(1) DO MAR CASTRO VARELA, María u. Nikita DHAWAN (2020): Postkoloniale Theorie – Eine kritische Einführung. Bielefeld: transcript Verlag.

(2)  LEE, Eun-Jeung (2005): Historische Entwicklung Koreas. In: KERN, Thomas und Patrick KÖLLNER (Hg.): Südkorea und Nordkorea: Einführung in Geschichte, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Frankfurt/Main: Campus Verlag, S. 15-49.

(3) ECKERT, Carter J, Ki-baik LEE, Young Ick LEW, Michael ROBINSON u. Edward W. WAGNER (1990): Korea Old and New – A History. Seoul: Published for the Korea Institute, Harvard University by Ilchokak.

(4) MIN, Pyong Gap (2003): Korean “Comfort Women”: The Intersection of Colonial Power, Gender, and Class. In: Gender and Society 17, 6, S. 938-957.

(5) CHOI, Hyaeweol, Barabara MOLONY u. Janet THEISS (2016): Gender in Modern East Asia: An Integrated History. Boulder, Co: Westview Press.

(6) BYUN-BRENK, Wonlim (2005): Frauen in Korea – eine Kulturgeschichte. Thunum: Edition Peperkorn.

(7) SOH, Chunghee Sarah (1996): The Korean “Comfort Women”: Movement for Redress. In: Asian Survey, 36, 12, S. 1226-1240.

(8) PAK, Jai Sin (1995): Familie und Frauen in Korea. Frankfurt am Main: IKO – Verlag für Interkulturelle Kommunikation (= Kritische und selbstkritische Forschungsberichte zur dritten Welt).

(9) KANG, Chon-Sook u. Ilse LENZ (1992): ›Wenn die Hennen krähen…‹: Frauenbewegungen in Korea. Münster: Westfälisches Dampfboot.

(10) IM, Chinsil (2013): Yoja ui chiwi e taehan il koch’al [An observation on the status of women]. Übersetzt und herausgegeben von CHOI, Hwayeol (2013): New women in colonial Korea – a source book. London [u.a.]: Routledge (= Asian Studies Association of Australia women in Asia series), S. 37-39.

(11) MUN, Kyongho (2013): Naeoe hanun p’ungsok [The Custom of the Inside-Outside Rule]. Übersetzt und herausgegeben von CHOI, Hwayeol (2013): New women in colonial Korea – a source book. London [u.a.]: Routledge (= Asian Studies Association of Aus-tralia women in Asia series), S. 21-22.

(12) Tamura, Toshiyuki (o.J.): The Status and Role of Ethnic Koreans in the Japanese Economy. In: The Korean Diaspora in the Woel Economy, S. 77-99.

(13) CHOI, Elizabeth (1994): Status of the Family and Motherhood for Korean Women. In: GELB, Joyce u. Marian Lief PALLEY (Hg.): Women of Japan and Korea – Continuity and Change. Philadelphia: Temple University Press, S. 189-205.

(14) SIN, Giyeong (2015): Geulobeol Sigageso bon ilbongun “wianbu”munjae: hanilgwanui yongja-jeok tteureul neomeoseo [Rethinking Japanese Wartime Comfort Women From a Global Perspective: Beyond Korea-Japan Bilateral Relations]. In:  Ilbonbipyeong (Korean Journal of Japanese Studies), 15, S. 282-309.

(15) SHIN, Heisoo (2011): Seeking Justice, Honour and Dignity: Movement for the Victims of Japanese Military Sexual Slavery. In: Global Civil Society 2011, S. 14–28.

(16) LIE, John (1995): The Transformation of Sexual Work in 20th-Century Korea. In: Gender and Society 9, 3, S. 310-327.

(17) TANAKA, Yuki (2002): Japan’s Comfort Women – Sexual Slavery and prostitution during World War II and the US occupation. London [u.a.]: Routledge.

(18) KIM, Kyounghee u. Seung-Kyung KIM (2013): The Korean Women’s Movement and the State: Bargaining for Change. New York [u.a.]: Routledge (= ASAA women in Asia series).

(19) JEUNG, Bong-Ja (2008): Der wirtschaftliche Aufstieg Koreas: Ein Modell zur ex-ante und ex-post Analyse der Wirtschaftsentwicklung. Aachen: Shaker.

(20) KÖLLNER, Patrick (2005): Die beiden Koreas und die Vereinigungsfrage. In: KERN, Thomas und Patrick KÖLLNER (Hg.): Südkorea und Nordkorea: Einführung in Geschichte, Politik, Wirt-schaft und Gesellschaft. Frankfurt/Main: Campus Verlag, S. 279-305.

(21) LEE, Eun-Jeung (2005): Historische Entwicklung Koreas. In: KERN, Thomas und Patrick KÖLLNER (Hg.): Südkorea und Nordkorea: Einführung in Geschichte, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Frankfurt/Main: Campus Verlag, S. 15-49.

(22) KUZNETS, Paul W. (1977): Economic Growth and Structure in the Republic of Korea. New Haven: Yale University.

(23) MOON, Rennie (2010): Koreans in Japan. In: Spice Digest. https://fsi9-prod.s3.us-west-1.amazonaws.com/s3fs-public/Koreans_inJapan.pdf

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

I’m Jana

Willkommen in meinem kleinen cozy Buchblog. Ich bin nur eine Lady in meinen 30ern und einfach glücklich meine Freizeit mit Büchern zu verbringen.

Rating System:
5⭐️: loved it, will recommend, had all the feels, vibes were immaculate, probably sobbed at some point, full goblin mode, will demand more asap, will buy physical copy asap, high chance of rereads

4⭐️: really liked it, will probably recommend, vibes were good, will read more from this series/author etc.

3⭐️: was good/ok, was either nothing special for me or was bothered by something specific in the writing/plot points etc.

2⭐️: didn’t like it, vibes were off

1⭐️: hate read, probably trash but didn‘t dnf

0⭐️: it‘s been too long/ forgot everything/too niche

Let’s connect

Professional Reader 10 Book Reviews Featured Book Reviewer